Mehmet und die göttliche Pause
Der türkische KollegeEin eingespieltes Team an der Maxhütte
In der Maxhütte am Hochofen arbeiteten viele türkische Kollegen, allesamt fleißige, zuverlässige Leute, mit denen man bestens auskam. Einer von ihnen war Mehmet. Mehmet hatte einen wichtigen Job: Am Spänebrecher saß er im Bagger, lud Schrottwaggons aus und fütterte das Förderband, das den Hochbunker versorgte. Dort landete alles, was der Hochofen so verschlang – Erz, Koks, Schrott und allerlei anderes Zeug.
Der Hochbunker war allerdings ein sensibler Geselle. Zu viel Schrott auf einmal, und schon blieb das sperrige Material hängen. Deshalb stand Konrad am Hochbunker ständig in Kontakt mit Mehmet – über die Sprechanlage. Normalerweise klappte das wie am Schnürchen.
Plötzliche Funkstille
Eines Tages jedoch herrschte plötzlich Funkstille. Konrad brauchte dringend Schrott, drückte auf den Knopf der Sprechanlage – nichts. Noch einmal – wieder nichts. Das war ungewöhnlich. Mehmet war sonst immer erreichbar wie die Feuerwehr.
Also schickte Konrad den Vorarbeiter Ludwig los: „Schau bitte mal nach Mehmet, nicht dass ihm was passiert ist.“ Ludwig stapfte los, suchte den ganzen Bereich ab, schaute beim Bagger, beim Förderband, hinter jeder Ecke – kein Mehmet. Gerade als er sich fragte, ob Mehmet vielleicht verdampft sei, öffnete er die Tür zum Brotzeitraum. Und da war er.
Eine Lektion in gegenseitigem Verständnis
Mehmet kniete seelenruhig auf einem Teppich, die Hände gefaltet, vollkommen versunken im Gebet. „Da bist du ja!“, rief Ludwig erleichtert. „Die brauchen Schrott, mach schnell!“ Mehmet blickte empört auf. „Du darfst mich doch nicht beim Beten stören!“, sagte er streng. „Jetzt muss ich wieder von vorne anfangen. Um zwölf Uhr bete ich immer!“
Ludwig zog sich kleinlaut zurück. Irgendwann – nach abgeschlossener göttlicher Kommunikation – kam der Schrott dann doch noch am Hochbunker an. Als Ludwig Konrad später die Geschichte erzählte, musste der schmunzeln. Und von diesem Tag an wusste Konrad ganz genau:
Um Punkt zwölf Uhr rief man besser nicht nach Schrott. Vorher oder nachher funktionierte es nämlich genauso gut – und deutlich stressfreier.
© Konrad Pilhofer 2026