Bergbau in Sulzbach-Rosenberg
Heinrich Kölbel
Der Bergmann mit der FahneHeinrich Kölbel
Der älteste „zweite Fahnenträger“ der deutschen Bergknappenvereine
Der Bergmann Heinrich Kölbel wurde 1937 als neuntes Kind in Betzenberg geboren. Er wuchs in einer Großfamilie mit 11 Geschwistern auf. Er hatte „zwei Mütter“: Die erste verstarb im Alter von 36 Jahren bei der Geburt ihres achten. Kindes. Die zweite Mutter, also die zweite Frau seines Vaters, verstarb im Alter von 46 Jahren an Krebs. Ab da war es für die Kinder sehr schwer, ohne Mutter aufzuwachsen. Der Platz war sehr eng auf ihrem Bauernhof. Deshalb mussten die Kleinen immer zu zweit in einem Bett schlafen. Da konnten sie sich auch gegenseitig wärmen. Trotzdem hatten alle durch die Landwirtschaft immer ausreichend zu essen (der Hof des Vaters war 95 Tagwerk oder gut 32 Hektar groß). Die großen Schwestern nahmen, so weit möglich, den Platz der Mutter ein und sorgten für die Erziehung. Der junge Heinrich hatte viele Spielkameraden im Dorf, sodass es nie langweilig wurde. Noch heute erinnert er sich an den großen Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft.
Die Schule besuchte er in Schwend und Fürnried. Während die Kinder nach Schwend für die knapp zwei Kilometer nur eine halbe Stunde benötigten, mussten sie nach Fürnried eine Strecke von circa acht Kilometern, das sind eine und drei Viertel Stunden Gehzeit, zurücklegen. Nur im Winter, wenn es stark geschneit hatte, holte der größere Bruder die Kinder mit dem Pferdeschlitten ab. In Schwend wurde Heinrich später auch konfirmiert.
Im Alter von 10 Jahren musste er zu einem Bauern nach Fürnried als Hirtenjunge. Dort wurde der Bub nicht sehr gut behandelt. Er musste viel arbeiten und hatte so gut wie keine Zeit zum Lernen. Darum versuchte er zweimal nach Hause zu flüchten, wurde aber auf dem halben Weg von der Bäuerin mit dem Fahrrad eingeholt und musste wieder zurück auf den Hof.
Der Lehrer hatte mitbekommen, dass es dem Jungen bei diesem Dienstherrn schlecht ging. Er gab ihm einen Brief an den Vater mit. Der möge dafür sorgen, dass der Junge nach Hause zurückkomme, weil der Bauer schlecht mit ihm umgehe. Der Vater hatte ein Einsehen und am nächsten Tag fing der Bub bei einem Bauern in Betzenberg, als Hirtenjunge an. Dort ging es ihm sehr gut.
Mit 16 Jahren kam der Jugendliche dann zu einem großen Bauern, als Pferdeknecht. Er musste zwar viel arbeiten, aber die Bauersfamilie ging gut mit ihm um. So blieb er 3 Jahre. Als sein großer Bruder heiratete, musste Heinrich wieder zurück nach Hause und dort den Pferdeknecht machen. Das war eine verantwortungsvolle Aufgabe, denn Pferde waren damals das Hauptverkehrsmittel für größere Transporte und viel wert.
1957 fing er dann im Bergwerk zu arbeiten an, um mehr Geld zu verdienen. Am 14.10.1957 trat er dem Bergknappenverein bei. Sein erster Arbeitsplatz war die Baustelle am Sankt Anna Schacht. Der wurde von 1955 bis 1958 unter großen Problemen abgeteuft. Der Wasserzufluss war sehr stark.

Abteufmannschaft in Wassermontur (hier am Eichelberg)
Archiv Bergknappenverein
Wegen des nassen Untergrundes versuchte man zuerst ein Gefrierverfahren, bei dem der gesamte Schachtumfang vereist wurde. Dies funktionierte aber nicht. Dann setzte man das sogenannte „Druckverfahren“ ein. Dabei wurde der abgeteufte Schacht unter so starken Luftdruck gesetzt, dass das Wasser aus den angrenzenden Bodenschichten nicht mehr zufließen konnte. Dieses Verfahren war technisch sehr schwierig. Für die Bergarbeiter war die Belastung durch den hohen Druck sehr ungesund. Viele haben diese Arbeit abgelehnt.
Sowohl beim Einfahren als auch beim Ausfahren aus dem Schacht mussten sie nahezu zwei Stunden in einem Druckausgleichscontainer warten, bis sie wieder ins Freie durften. Die reine Arbeitszeit im Schacht betrug nur 4 Stunden. Während dieser Zeit war der Überdruck auf der Schachtsohle so hoch, dass sie regelmäßig Kopfschmerzen bekamen und kein Wasser lassen konnten, erinnerte sich der Bergmann. Vermutlich führte dies bei mehreren Kameraden zu Gesundheitsschäden. Es soll sogar einen Todesfall gegeben haben, zu dem der Betroffene aber möglicherweise durch sein Fehlverhalten beigetragen hat. Heinrich Kölbel wurde zweimal durch die Druckbelastung ohnmächtig. Das erste Mal fiel er nach der Arbeit beim Duschen einfach um und brauchte einige Zeit, bis er wieder bei Bewusstsein war. Das zweite Mal stürzte er auf dem Heimweg mit dem Motorrad und fand sich im Straßengraben wieder. Alle Arbeiter mussten um den Hals ein Medaillon tragen, mit dem Hinweis, dass sie im Fall einer Bewusstlosigkeit sofort ins Krankenhaus Sulzbach eingeliefert werden mussten. Dort gab es eine weitere Druckkammer. Selbst der damalige Bergwerksdirektor Ouhlela durfte wegen akuter Gesundheitsprobleme nicht mehr in den Schacht einfahren. Für ihn übernahm dann der spätere Bergwerksdirektor Eugen Kirschhock. Von den gesamten Bergleuten der Abteufmannschaft lebt außer Heinrich Kölbel keiner mehr. Trotz der schwierigen Arbeitsbedingungen schafften es die Mannschaften, den Wasserzufluss zu stoppen und den Schacht bis zur vorgesehenen Teufe niederzubringen.
Nachdem der St.-Anna- Schacht abgeteuft war, kam der Bergmann auf den Klenzeschacht und musste von dort aus die Richtstrecke zum St.-Anna-Schacht mit auffahren. Diese Arbeit war nicht so belastend. Gefährlich war sie trotzdem, weil fast jeder Meter Vortrieb gesprengt werden musste. Außerdem fuhr er über mehrere Jahre in den Schacht Galgenberg ein, über den der Abraum aus dem Vortrieb abtransportiert wurde.

Foto Galgenbergschacht. Archiv Heinl
1957 heiratete Kölbel Elise Luber aus Frechetsfeld. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor, auf die er sehr stolz ist. 1962 baute er in Angfeld, mit Unterstützung seiner Bergwerkskameraden, ein eigenes Haus. Nur mit ihrer Hilfe war das Vorhaben zu schaffen.
Unglücke und Gefahren im Bergbau
Natürlich wurde auch Heinrich Kölbel, wie die allermeisten Bergleute nicht von Unglücken und Schwimmsand verschont. Das schlimmste Erlebnis für ihn war, als ein Streb durchbrach und er bis zum Hals verschüttet wurde. Bei Schwimmsand-Einbrüchen konnte er glücklicherweise immer der größten Gefahr entkommen und war nie in Lebensgefahr.
Was dem Bergmann bis heute in lebhafter Erinnerung geblieben ist, war die außerordentlich gute Kameradschaft. So etwas gibt es nach seiner Auffassung nur unter Tage. Als die letzte Grube Eichelberg geschlossen wurde, ließ er sich auf eigenen Wunsch in die Maxhütte versetzen. Nach Auerbach wollte er nicht mehr, da dort völlig neue technische Verfahren eingesetzt wurden. Die Jahre in der Hütte reichten, dass er seine Arbeitsjahre für die Bergmannsrente auffüllen konnte. Mit 60 Jahren wurde er beim Konkursverfahren der Maxhütte freigestellt und dann in Rente geschickt. Während seiner Beschäftigung bei der Maxhütte hat der Bergmann seine einstigen Kameraden aus der Grube sehr vermisst. Denn er war mit Leib und Seele „Oarzgrowa“ und noch heute schwärmt er von seiner Arbeit.

Bild Georg Schaller und Heinrich Kölbel als Fahnenträger. Archiv Heinl
Engagement im Bergknappenverein
Vielleicht hat er sich auch deswegen mit großem Eifer für den Bergknappenverein engagiert. Er ist von 2012 bis heute der zweite Fahnenträger des Vereins und damit ist er der älteste der deutschen Bergknappenvereine. Bei unzähligen feierlichen Anlässen, wie Bergfest, Jubiläen oder Beerdigungen, musste er die schwere Fahne bis zu einer Stunde lang tragen und halten. Wer an den Heinrich Kölbel dachte, sah ihn nur mit Fahne vor der Brust.

Wenn es um den Bergbau ging, war der Heiner (1. von links) für jeden Spaß zu haben. Hier im Schaustollen in historischem Gewand. Archiv Heinl

Beim Rosenberger Krippenweg.
Archiv Bergknappenverein
Bis zum Alter von 86 Jahren war er aktiv. Heute, mit 88 Jahren ist er, trotz seines Alters, immer noch im Vereinsvorstand der Knappen. Traditionspflege ist Pflicht für ihn und er hilft, wo er kann.
Heiner Kölbel war aber auch immer ein überzeugter Christ. Über 10 Jahre lang verrichtete er den Messner- und Lektorendienst im romantischen Simultankirchlein Frankenhof.